Projekte und Publikationen

Die „planetarische Dreifachkrise“ und der Versuch einer ökologisch-kulturelle Transformation

„In den nächsten Jahrzehnten ist mit der vollständigen Zerstörung heimischer Artenvielfalt auf einem Gebiet zu rechnen, welches ungefähr die Größe der Europäischen Union entspricht. Dieses Szenario prognostiziert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem Umweltbericht, der am Mittwoch vorgestellt worden ist. Er befasst sich mit der „planetaren Dreifachkrise: dem Klimawandel, dem Verlust der Artenvielfalt und der Umweltverschmutzung, welche die Menschheit, ihre Lebensgrundlagen und damit auch die Wirtschaft bedrohen“. Alle drei Krisen würden sich bis 2050 weiter verschärfen und gegenseitig verstärken, wenn die Politik nicht umsteuere, mahnen die Autoren.“ (FAZ, 27.11.25) Hier wird die Politik adressiert, obwohl die moderne, industrielle Gesellschaft im ganzen verantwortlich wäre. Ohne eine grundlegende ethisch-ästhetische Änderung unserer Lebensform, werden die Menschheit in dieser Form nicht überleben. Momentan wird die Nachfrage nach den kapitalen Produkten (Informationen,Güter, Geld, Macht, Technik) nur dadurch verringert, dass die Geburtenrate der verantwortlichen Gesellschaften sinkt.

Eine radikale ökolische Transformation ist zwingend und sie wird eine kulturelle sein müssen, eine ethisch-ästhetische, die tief in unsere Lebenform eingreift, so meine Annahme. Es lassen sich bei „meinem“ soziologischen, literarischen und persönlichen Theorie-Praxis-Projekt sechs Stufen unterscheiden. Sie finden ihren Niederschlag in den Publikationen (siehe unten):

  1. Die herrschaftlichen Wissenschaften (1992-1999) lassen sich wieder auf Phänomene, Erfahrungen und Handlungen zurückgeführen; letztlich auf das Interesse an Zwischenräumen. Werden Wort und Hand getrennt, ergibt sich daraus die spezifisch moderne Entfremdung und Unglaubwürdigkeit, die Trennung von System und Mensch, von Gesellschaft und Natur. Das Verschwinden von Menschlichkeit und Natürlichkeit hat hier seinen Ursprung. Sie werden einfach schizoid abgetrennt.
  2. Die ökologische Soziologie (1997-2004) versteht die kapitale Moderne als unsere eigene kapitale Lebensform, die äußere Umwelt, soziale Gemeinschaften und die jeweils inneren sinnhaften Erzählungen und Mythen zerstört. Diese inneren Orientierungen werden konsumkapitalistisch, technisch und medial verfügbar gemacht, einfach ersetzt und entsorgt. Die Welt wird zu einem Ort des inneren und äußeren Abfalls. Die ökologische Krise ist nicht nur ein kapitalistisches Umwelt- und Gesellschaftsproblem, sondern ein Problem unserer eigenen kapitalen Lebensform, die uns selbst, unsere Gemeinschaften und Natur deformiert. Kapitale Gesellschaften definieren Natur und Menschen als Ressource und Endlager. Die Menschen verlieren ihre ästhetischen, mythischen und narrativen Zugänge zur Welt. Ökologie ist deshalb eine kulturelle Frage der Wahrnehmung, Erfahrung und Lebensführung, nicht primär eine Frage der Politik oder Technik. Wie können Menschen lernen offen, kontingent, ästhetisch sensibel zu handeln?
  3. Theorie der Zwischenräume (seit 1997): Die kapitale Lebensform könnte theoretisch überwunden werden, wenn Menschen Orte, Momente (Zeit) und andere Zustände als Zwischenräume erleben. Wirklich ökologische und existenziell-ästhetische Erfahrungen entstehen nicht in festen Strukturen, sondern in Zwischenräumen – Übergängen, Lücken, offenen Zonen, die sich einer kapitalen Moderne entziehen. Zwischenräume sind zweckfrei, unbestimmt, offen,sinnlich erfahrbar, non-binär, nicht-identisch. In Zwischenräumen kann die Moderne nicht (zu-)greifen: Es gibt dort keine Funktion, keinen Nutzen, keine Effizienz. Dadurch werden andere Weltbeziehungen möglich: Staunen, Kontingenz, ästhetische Intensität, nicht-instrumentelle Erfahrung. Ihr ökologischer Sinn liegt darin, dass man Zwischenräume als Keimzellen“ einer anderen Lebensform erfahren kann, weil sie uns Menschen erlauben, Welt grundsätzlich anders zu erfahren.
  4. Das Andere Haus (seit 2017): In Zwischenräumen sind andere Weltbeziehungen möglich. Das Andere Haus ist Ort, Praxis und Lebensform, in der grundsätzlich andere Erfahrungen im alltäglichen Experiment gelebt werden können. Das Andere Haus ist die konkrete soziale Praxis einer alternativen, ästhetisch offenen und kontingenten Lebensform – ein Ort, an dem das kapitale Ich außer Kraft gesetzt wird. Das Andere Haus ist kein gewöhnliches Haus, keine Utopie im politischen Sinn, sondern eine Lebenspraxis, ein ästhetischer Ort, eine gemeinschaftliche Erfahrung. Es lässt sich wie folgt charakterisieren: keine Produktivitätspflichten, keine Rollenvorgaben, zweckfreie Begegnung mit Mensch und Natur in Erzählungen und gemeinsamen Sinnerfahrungen. Die Natur dient hier nicht als Ressource, sondern als sinnliches Ereignisfeld, wo „Andere Zustände“ (Musil) von Kontemplation, Spiel, Muße, Offenheit, Liebe erfahrbar werden. Der ökologischer Sinn liegt darin, dass das Andere Haus als praktisch-gesellschaftliches Gegenmodell zur kapitalen Moderne dient, in dem Menschen eine wirkliche ökologische Beziehung zur Welt einüben. Nicht durch Regeln, Ideologie oder Moral, sondern durch ästhetisch-spielerische Formen des Lebens und einer Wiederverlebendigung von Aura, Äther, Mythologien. „Die Rettung erfolgt durch den kleinen Sprung“, so Walter Benjamin, in den Zwischenraum des anderen Zustands (Musil).
  5. Zwischengänge („Sukzession“, seit 2020): In der politischen Zeitschrift Sukzession werden pragmatische Zwischengänge zwischen Natur, Demokratie und Kunst (von Thoreau bis Rorty, von Homer bis Beuys) unternommen, die verschiedenen Lebensbereiche (bislang: Demokratie, Natur, Kunst, Bildung, Orte, Religion) handelnd und persönlich zu greifen. In schriftlichen Essays, Seminaren und öffentlichen Veranstaltungen versuchen wir, jeglichen illiberalen, frauen- und fremdenfeindlichen Sezessions-Impulsen etwas Untergründiges entgegenzusetzen. Denn der Untergrund unserer Demokratie sind nicht nur unsere (immer noch fehlende) Verfassung, die zu geringen Mitwirkungsrechte der Menschen, sondern unsere kulturellen Geflechte, Wurzeln und Rhizome ebenso wie zahlreiche Mythen, die unserem Logos zugrunde liegen. Letztlich geht es hierbei um Charakterbildung, um den „identischen, zweckgerichteten, männlichen Charakter“ (Horkheimer, Adorno) des modernen Menschen zu überwinden.
  6. Literarische Übersetzung (ab 2026): Die soziologisch-methodischen und politisch-ästhetischen Zugänge zur ökologisch-ethischen Transformation sollen in diesem letzten Schritt in Literatur übersetzt werden. Ein solcher erscheint mir nötig, um das verständlicher zu machen, was bislang weitgehend unverständlich war. Stimmungen, Unbestimmtes und Persönliches lassen sich nur bedingt in Sachtexten verfassen. Natur- und Gesellschaftserfahrungen verlangen – so scheint es – eine literarische Bearbeitung, um hörbar zu werden, um wenigstens die Chance zu haben, das anzustoßen, was mir als notwendig erscheint: eine wirkliche und wirksame ökologische Transformation.

Buchveröffentlichungen

  • Herrschaftliche Wissenschaften und periphere Soziologie (Wissenschaftsoziologie)
  • Soziologie als Reise (Allgemeine Soziologie)
  • Die Zeit der Gene (Mitherausgeber) (Wissenschaftsoziologie)
  • Zwischenzeiten und Seitenwege (Mitherausgeber) (Land- und Agrarsoziologie)
  • Geschlechterverhältnisse, Naturverhältnisse (Mitherausgeber) (Geschlechter-, Umweltsoziologie)
  • Zwischenräume (Interdisziplinäre Wissenschaftssoziologie)
  • Ökologische Soziologie (Mitherausgeber), 5 Bände (Umweltsoziologie)
  • Grundbegriffe und Kontexte einer ökologischen Soziologie (Umweltsoziologie)
  • Der Rest ist Schweigen – Die Dinge und ihre Vernichtung (Herausgeber, Mitautor) (Umweltsoziologie)
  • Ökologische Theorien (Herausgeber, Mitautor) (Umweltsoziologie)
  • El Hierro – Übergang ins andere Haus (Essay, Tagebücher)
  • In Vorbereitung (3/2026): El Hierro – Das Baumhaus (Essay, Tagebücher)
  • In Vorbereitung (2027): El Hierro – Heimkehr nach Freiburg (Essay, Tagebücher)
  • In Vorbereitung: Zwischenräume – Auf der Suche nach einer anderen Gesellschaft (Allgemeine Soziologie)

Projekt: Zeitschrift

Sukzession – Zwischengänge: Natur Demokratie Kunst (Zeitschrift für politische Kultur; Mitherausgeber)

6 Ausgaben, siehe Derk-Janssen-Verlag.de/Sukzession, Freiburg

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