Auf der Suche nach einem anderen Leben (biographische Skizze)

Möchte man den Zusammenhang, die Lebensform seines Lebens und Arbeitens verstehen, sollte man auf seine untergründige Sinnfrage hören. Die Sinnfrage zeigt sich mir – exemplarisch beim Tennis – im Spielen und im Warten; spielen und warten sind eine Frage der sinnlichen und moralischen Entwicklung, nicht eine Frage des Gewinnens und des Erfolgs. Ein (abwartendes) Spiel ohne Vergnügen bleibt ebenso sinnlos wie ein Spiel ohne Regeln. Die Jahre und die vielen Umzüge zwischen 1959 und 1988 waren vom Tennis geprägt. Die Sinnfrage ist zugleich eine persönliche, eine ökologische, eine psychologisch-pädagogische, eine politische und eine ästhetische Frage.

Soziologie: Die ökologische Frage

Nach einer Banklehre in Düsseldorf, dem Studium der Agrarwissenschaften in Gießen und der „Internationalen Agrarentwicklung“ in Berlin habe ich von 1988 bis 2004 als Agrar- und Umweltsoziologe an der Universität Gießen und am Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung in Marburg gelehrt und geforscht. Im Zentrum stand die ökologische Frage. Der Frieden mit der Natur kann nur durch friedfertige Menschen möglich gemacht werden. Es wäre ein Zueinander-Gehören. Dafür ist ein grundsätzlich anderes Gesellschafts- und Selbstverständnis nötig.

Dem Wissenschaftssystem gelingt es trotz seiner – auch wegen seiner publikations- und damit kapitalgetriebenen – Erkenntnisherstellung zu wenig, die Welt ökologischer, solidarischer, selbstbestimmter und schöner zu machen. Liegt es auch daran, dass uns Menschen – und damit auch den Wissenschaftlerinnen – unsere natürlichen Untergründe und geistig-historischen Hintergründe fremd geworden sind? Liegt es an unserer kapitalen Lebensweise und somit an unserem kapitalen Ich, das die kapitalen Systeme und damit auch das Wissenschaftssystem und vor allem ihre Technologien nachfragt? Wie kann ich – wenn dem so wäre – mein eigenes kapitales Ich verändern? Wie wären „andere Zustände“ (Musil) und ein anderes Leben möglich? Und wie sähen die Übergänge dahin aus? Ist eine andere, nicht kapitale Gesellschaft möglich?

Pädagogik: Die Frage nach der Selbstbildung

Von 2004 bis 2021 habe ich Geschichte, Geographie und Politik für Jugendliche unterrichtet. Wichtig sind mir dabei Bilder unserer Geistesgeschichte geworden: Die Odyssee bei Homer, das Höhlengleichnis von Platon, der Mythos des Sisyphos von Camus, der Engel der Geschichte von Walter Benjamin. Die Jugendlichen haben mich ermutigt, eine gänzlich freilassende Pädagogik und Didaktik auszuprobieren, damit sie ihre eigenen Themen, Zugänge und Interessen suchen können, ohne verbindliche Hausaufgaben, ohne verbindliche Tests.

Nur mittels eines Portfolios aus ihren selbstgewählten Texten können sich Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen bilden, so hoffte ich. Warum kann auch die Reformpädagogik ihre befreienden Absichten kaum verwirklichen? Hängt es an ihrem idealistischen Charakter oder an der Einbettung in eine kapitale Gesellschaft oder an den handelnden Personen? Warum ist es schwierig, frei, selbstverantwortlich man-selbst zu werden? Besteht die Freiheit des Menschen darin, seine Schicksalhaftigkeit und Zufälligkeit zu erkennen und anzunehmen? Jugendliche Freiheits-, Wahrheits- und Sinnbestrebungen kollidieren mit den kapitalen Systemen ebenso wie mit den natürlichen, sozialen und geistigen Entropie-, Schicksals- und Kontingenzmächten, die uns fordern. Das andere Leben ist ein komplexes, ein absurdes Leben der Zufälligkeiten.

Tagebücher, politische Kultur: Die demokratische Frage

2017/18 habe ich ein Sabbath-Jahr gemacht und zehn Monate auf „unserer“ Finca in den Bergen von El Hierro gelebt, gegärtnert und Tagebücher geführt. Seit dem vorzeitigen Ende des Unterrichtens 2021 schreibe ich wieder und gebe seit 2020 mit dem Verleger Derk Janssen die interdisziplinäre Zeitschrift „Sukzession – Zwischengänge: Natur, Demokratie, Kunst“ heraus. Mit ihm teile ich die Idee, dass eine menschliche eine teilhabende Demokratie ist, die durch Natur- und ästhetische Erfahrungen erweitern und vertiefen lassen. Unser Menschwerden ergibt sich lernend und handelnd aus dem Spiel (Schiller) in einer ästhetischen Selbstformung. Wir formen allein und gemeinsam unser Dasein. Aus einer „sozialen Plastik“ (Beuys) kann eine „individuelle Mythologie“ (Szeemann) werden. Eine solche gibt der eigenen Existenz – bei aller schönen und unschönen Zufälligkeit – Sinn und Zufriedenheit.

Seit 2021 ziehen Dominique und ich uns halbjährig zurück auf unsere Finca in den Bergen von El Hierro, sind halbjährig in Deutschland und entdecken – durch unsere Kinder und Enkel – das Reisen wieder. Das „endlose Land“ (Serengeti) wird zum Sehnsuchtsmotiv. El Hierro und Afrika helfen, die Krisen der kapitalen Gesellschaften aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und so könnte es vielleicht gelingen, ein weniger kapitales, ein erweitertes und vertieftes Leben zu leben.

Literatur: die ästhetische Frage

Mit dem Neubginn meines Schreibens 2017 sehe ich Wissenschaft und Literatur als zwei gleichwertige Zugänge zu meinem Leben und zur Welt an. Damit unsere Welt keine technokratische wird, möchte ich die literarische Seite meines Schreibens stärken.

Die ökologische, die demokratische und die Selbstbildungsfrage sind (auch) eine ästhetische Frage. Ohne wirkliche sinnliche Wahrnehmungen bleibt unser Leben und bleibt unser Handeln leer. Ohne eine eigene Ethik bleibt es selbstbezogen.

Wir leben in zwei Welten, der einen, globalen Welt der Gesellschaft des Differenzen und in der anderen Welt der einheitlichen Natur, der Erde, des Oikos. Der sachliche Zugang zur Gesellschaft, ihrer Wahrheit, Ethik und Sozialisation, ist in der Moderne durch Systeme (v.a. Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) geprägt, vor allem druch die analytisch-differenziernden Wissenschaft. Ein völlig anderer Zugang ermöglicht uns unsere Naturerfahrungen. Er kann religiös, spirituell, künstlerisch, intuitiv sein. Ich glaube mit Niklas Luhmann („System und Umwelt“), Robert Musil („der eine und der andere Zustand“) und dem Historiker Dipesh Chakrabarty („globalisierender Globus und natürlicher Planet“), dass WIR (als Menschheit) unsere Naturerfahrungen der anderen Seite nur im Zustand des Zueinandergehörens (der Liebe, des Einsseins) erfahren können. Dazu benötigen wir ein, je individuelles literarisches Sprechen und Schreiben.