Einbettung und Sinn (Anfänge, Ausgangsfragen)
Es gibt das Tryptichon Giovanni Segantinis: Werden, Sein, Vergehen. Es gilt als das Hauptwerk des Symbolismus. Es symbolisiert und dokumentiert Sinn, Widerständigkeit und Verschwinden einer naturgebundenen Ästhetik in den Engadiner Alpen. Politisch-ethisch wird ein solches Leben im Film „Ein verborgenes Leben“ von Terrence Malick, der Leben, Widerstand und Verschwinden des Bauern Franz Jägerstätter beschreibt. Immer wieder verbrachten wir längere Zeit in den Alpen.
Meine Faszination gilt nicht nur dieser alltäglichen Ästhetik des bäuerlich-alpinen Eingebettetseins, sondern der parallel dazu aufscheinenden individuellen Mythologie des Einklangs mit sich und der Natur. Bemerkt man-selbst diese parallele, schicksalhafte, kontingente Welt? Immer wieder taucht sie zufällig auf, macht sich seelisch-leiblich bemerkbar, als Schmerz und Trauer ebenso wie als Wohlgefühl einer durchlässigen Stimmigkeit. Diese Welt ist abwesend anwesend und erscheint uns geheimnisvoll verborgen.
Wer seine eigene Lebensform verstehen will, einer Mischung aus zweckorientiertem Arbeiten, hingebungsvollem Lieben und selbstversunkenem Warten, der könnte auf seine parallele Welt hören, statt sie durch rastlose Beschäftigung zu übertönen. Im Lieben, Warten und Spielen prägen wir den anderen Zustand des Zueinander-Gehörens aus. Atmend und ahnend entfaltet sich der eigene Sinn einer ästhetische Ethik, den man erst im Nachhinein erkennt. Die Sinnfrage ist zugleich eine persönliche und soziale, eine ökologische und sinnliche Frage: Sie kann zu einem eigenen Mythos werden und wenn man ihn säuberlich zerlegt, ist er bereits verfehlt.
Die ökologische Frage (1990-2004, Universität Gießen)
Es gibt eine merkwürdige Hartnäckigkeit, mit der die ökologische Frage sich meinen soziologischen Versuchen entzog, sie gültig zu beantworten. Man kann sie, wie in meiner Disziplin, wissenschaftlich stellen und erhält jedes Mal eine plausible Antwort, die Einbettung und Sinn verfehlt. Aus Mythos wird Logos.
Die ökologische Krise ist kein Problem, das man technisch oder wissenschaftlich beheben könnte. Sie ist das sichtbare Zeichen einer tiefliegenden Störung im Verhältnis des Menschen zu sich selbst und zu seiner Umwelt. Das menschliche Selbstverständnis kennt seine natürliche Einbettung nicht mehr. Nicht seine Quellen, nicht seine Wurzeln, nicht seinen Himmel. Die Welt Segantinis ist vorbei. Man kann dann selbst zu einem Wartenden werden.
Z.B. beteiligt sich auch das agrarische Wissenschaftssystem ebenso wie die anderen kapitalen Systemen, an der ökologischen Verwüstung der Welt. Es ist ebenso getrieben von einer Publikations- und Drittmittellogik und spart die tieferen ökologischen Fragen aus, die sich nicht in Projekte und evidenzbasierter, systemrelevanter Prüfbarkeit übersetzen lassen.
Allen kapitalen Systemen liegt ein Kapitales Ich zugrunde, das diese Systeme nachfragend hervorbringt. Jenem Ich, das sich für autonom hält und dabei übersieht, dass es selbst ein Produkt jener kapitalen Systeme ist, gegen die es gelegentlich, halbherzig, ankämpft. Die Frage nach dem verlorenen bzw. eingebetteten Ich wird in Kunst und Literatur abgeschoben. Dort werden „andere Zustände“, wie Musil sie beschrieb, gesucht.
Die Frage nach der Selbstbildung (2004-2021, Berner Alpen, Freiburg)
Meine Art des Unterrichtens an zwei reformpädagogischen Schulen hegte befreiende Absichten und verwirklichte sie selten. Bilder unserer Geistesgeschichte können einen selbst leiten: Homers Odyssee; Platons Höhlengleichnis; Benjamins trauriger Engel der Geschichte, Camus‘ Sisyphos, der glücklich ist, weil seine Würde in der Schicksalhaftigkeit liegt. Freiheits- und Sinnbestrebungen Jugendlicher kollidieren mit kapitalen Systemen ebenso wie mit jenen stillen Schicksals- und Kontingenzmächten, die uns alle formen, ohne dass wir es merken. Vielleicht besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, die Zufälligkeit des Lebens zu überwinden, sondern darin sie heiter anzunehmen. Das andere Leben ist kein geordnetes, es ist ein absurdes Leben der Zufälligkeiten, das man bewohnen, nicht beherrschen kann.
Die demokratische als ästhetische Frage (2020-2026, Freiburg, El Hierro)
Eine teilhabende Demokratie lässt sich durch ästhetische Erfahrung vertiefen, nicht durch kulturindustrielle Techniken, die das Bestehende verwalten, sondern durch jene Aufmerksamkeit, die Schiller im Spiel erkannte: Menschwerden als ästhetische Selbstformung, ohne Garantie auf Gelingen. Aus der „sozialen Plastik“ (Beuys) wird eine „individuelle Mythologie“ (Szeemann), eine selbst gewobene Erzählung, die der Existenz, bei aller Zufälligkeit, Sinn gibt, ohne sie zu verklären. Demokratie gibt diesen Sinnentwürfen Raum und Zeit.
El Hierro bietet seit 2015 jene produktive Distanz, aus der heraus man die Krisen kapitaler Gesellschaften klarer sieht, weil man ihnen nicht mehr ganz ausgeliefert ist.
Wissenschaft und Literatur sind zwei gleichwertige Zugänge zur Welt, zwei Arten, dasselbe Rätsel zu befragen, von denen keine die andere ersetzen kann: die Wissenschaft verlöre das biographisch Einzelne, die Literatur das gegenwärtige Allgemeine. Die ökologische, demokratische und Bildungsfrage sind am Ende eine ethisch-ästhetische Frage: Ohne eigene empirische Wahrnehmung bleibt unser Handeln leer, ein bloßes Vollziehen von Imperativen; ohne eigene Ethik bleibt es selbstbezogen und blind.
Wir leben in zwei Welten: der globalen Gesellschaft der Differenzen und der verborgenen Einheit mit der Erde, die unsere Lebenswelt ist, gleichgültig ob wir es bemerken. Diese andere Seite erfahren wir im Zustand des Zueinandergehörens, in jenen seltenen Augenblicken, in denen das Trennende illusionär erscheint und etwas sichtbar wird, das sich nicht benennen, aber auch nicht leugnen lässt. Dafür brauchen wir eine eigene, sinnliche Sprache: eine, die nicht erklärt, sondern zeigt und die weiß, dass das Zeigen dem Erklären vorausgeht.