Auf der Suche nach einem anderen Leben

„Zu fragen bin ich da“ (Ibsen)

Persönliche, ökologische, pädagogische und demokratische Fragen überschneiden sich zeitlich, räumlich, thematisch. Das menschliche Leben antwortet auf je eigene Weise auf die unüberschaubare Komplexität und Zufälligkeit der Welt. Die gesellschaftlichen Antworten darauf sind spätestens seit der Industrialisierung kapital und damit verheerend. Und so steht ein werdendes Ich fragend und verzweifelt zwischen der Schönheit der Natur, des Spiels, der Liebe und der Herrschaft des Kapitals und der Medien. Doch ohne ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital kann es nicht mehr überleben. Was wir wissen, wissen wir aus Medien. Und die persönlichen Erfahrungen werden entwertet.

Die persönliche Frage (ungefähr ab 1972-)

Es gibt das Tryptichon von Giovanni Segantini: Werden, Sein, Vergehen, ein Werk des Symbolismus. Es dokumentiert Widerständigkeit und Verschwinden einer naturgebundenen Ästhetik in den Engadiner Alpen. Politisch-ethisch wird ein solches Leben im Film „Ein verborgenes Leben“ von Terrence Malick, der Leben, Widerstand und Verschwinden des Bauern Franz Jägerstätter beschreibt. Immer wieder verbrachte ich, mit Eltern und allein, Zeit in den Alpen. Walsertal, Davos, Engadin.

Meine Suche gilt nicht nur dieser alltäglichen Ästhetik des bäuerlich-alpinen Eingebettetseins, sondern der parallel (oder untergründig?) dazu spürbaren Mythologie des Einklangs mit sich und der Natur. Wie bemerkt man-selbst diese parallele, schicksalhafte Welt? Immer wieder taucht sie scheinbar zufällig auf, macht sich seelisch-leiblich bemerkbar, als Schmerz und Trauer ebenso wie als Stimmigkeit, gerade dann wenn wir durchlässig werden. Diese Welt ist abwesend anwesend und geheimnisvoll verborgen. Ob Schicksal oder Zufall (Kontingenz), ein anderes Leben sucht sie und versucht sie anzunehmen.

Wenn man seine eigene Lebensform verstehen möchte, zum Beispiel als eine Mischung aus Arbeiten/Spielen, Lieben und Warten, könnte man auf seine parallele bzw. untergründige Welt hören, statt sie laufend und funktionierend zu übertönen. Wartend, spielend, liebend lässt sich ein „anderer Zustand“ des Zueinander-Gehörens erfahren. Atmend, spürend und ahnend entfaltet sich ein sinnlicher Sinn, den man vielleicht erst spät erkennt. Die auch leidige Sinnfrage ist zugleich eine persönliche und soziale, eine ökologische und ästhetisch-ethische Frage. Sie kann zu einem (mythischen) Zueinandergehören werden, wenn man ihn nicht sofort wieder analytisch zerteilt.

Die ökologische Frage (ab 1990, Universitäten Gießen und Marburg)

Hartnäckig entzog sich die ökologische Frage meinen soziologischen Versuchen, sie zu beantworten. Man kann sie wissenschaftlich stellen und erhält jedes Mal eine plausible Antwort, die Einbettung und Sinn verfehlt. Aus kindlichem Mythos wird erwachsener Logos, aus Einheit wird Zweifel (Binarität), jedenfalls in der kapitalen Welt.

Die ökologische Krise ist kein Problem, das man technisch-rational oder wissenschaftlich beheben könnte. Sie ist das sichtbare Zeichen einer tiefliegenden Störung im Verhältnis des Menschen zu sich selbst, seiner Natur und zu seiner Umwelt. Ein kapitales Selbstmissverständnis kennt seine natürliche und soziale Einbettung nicht mehr. Nicht seine Quellen, nicht seine Wurzeln, nicht seinen Himmel. Die Welt Segantinis ist vorbei. Auf was wartet mein Ich?

Das agrarische Wissenschaftssystem beteiligt sich technologisch wie die anderen kapitalen Systemen an der ökologischen Verwüstung der Welt. Es ist getrieben von einer Publikations-, Zitations- und Drittmittellogik und spart die tieferen ökologischen und seelisch-geistigen Fragen aus, die sich nicht evidenzbasiert und systemrelevant beanworten lassen.

Kapitale Systeme bringen (m)ein Kapitales Ich (KI) hervor, das diese Systeme nachfragend bestätigt und weiter laufen lässt. Jenem Ich, das sich für autonom hält und dabei übersieht, dass es selbst ein Produkt jener kapitalen Systeme ist. Ein fataler, kaum zu unterbrechender Kreislauf. Die Frage nach dem verlorenen bzw. eingebetteten Ich wird in Kunst und Literatur abgeschoben. Dort werden „andere Zustände“, so Robert Musil, gesucht.

Die pädagogische Frage (ab 2004-2021, Berner Alpen, Freiburg)

Meine Art des Unterrichtens an zwei reformpädagogischen Schulen hegte befreiende Absichten und verwirklichte sie selten. Bilder unserer Geistesgeschichte können einen leiten: Homers Odyssee, Platons Höhlengleichnis, Benjamins Engel der Geschichte, Camus‘ Sisyphos, der glücklich ist, weil seine Würde in der Schicksalhaftigkeit liegt. Freiheits- und Sinnbestrebungen Jugendlicher kollidieren mit kapitalen Systemen ebenso wie mit jenen stillen Schicksals- und Kontingenzmächten, die uns alle formen, ohne dass wir es merken.

Vielleicht besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, die Zufälligkeit des Lebens zu überwinden, sondern seine undurchsichtige Vielfalt (Komplexität) nicht täglich zu reduzieren. Das andere Leben ist kein geordnetes, es ist ein absurdes Leben. Zufällig, vielfältig, unbeherrschbar. Die pädagogische Frage der Selbstbildung ist eine Frage der herrschaftlichen Verhältnisse.

Die demokratische und ästhetische Frage (2015-2026, Freiburg, El Hierro)

Eine teilhabende Demokratie lässt sich durch ästhetische Erfahrungen vertiefen, nicht durch kulturindustrielle Techniken, die das Bestehende verwalten, sondern durch jene Aufmerksamkeit, die Schiller im Spiel erkannte: Menschwerden als ästhetische Selbstformung. Aus einer „sozialen Plastik“ (Beuys) wird eine „individuelle Mythologie“ (Szeemann), eine selbst gewobene Erzählung, die der Existenz, bei aller Zufälligkeit und Vielfalt, Sinn gibt. Demokratie gibt diesen Sinnentwürfen Raum und Zeit.

El Hierro bietet seit 2015 jene Distanz, aus der heraus die Krisen kapitaler Gesellschaften klarer sichtbar sind, weil man ihnen nicht mehr ganz ausgeliefert ist.

Intersubjektive Wissenschaft und persönliche Literatur sind zwei gleichwertige Zugänge zur Welt, zwei Arten, dasselbe Rätsel zu befragen, von denen keine die andere ersetzen kann: die Wissenschaft verlöre das biographisch Einzelne, die Literatur das gegenwärtige Allgemeine. Die ökologische, demokratische und Bildungsfrage sind am Ende eine ethisch-ästhetische Frage: Ohne wirkliche Wahrnehmung bleibt unser Handeln leer, kapital; ohne wirksame Ethik bleibt es selbstbezogen und blind.

Wir leben in zwei Welten: der globalen Gesellschaft der Differenzen und der verborgenen Einheit mit der Erde, die unsere Lebenswelt ist, gleichgültig ob wir es bemerken. Diese andere Seite erfahren wir im Zustand des Zueinandergehörens, in jenen seltenen Augenblicken, in denen das Trennende illusionär erscheint und etwas sichtbar wird, das sich nicht leugnen lässt.